August Exter‘s Idee einer Villenkolonie

Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Pasing eine Siedlung für den gehobenen bürgerlichen Mittelstand errichtet: August Exter’s Idee einer Villenkolonie.

August Exter (*1858; †1933), Architekt und Projektentwickler, wandte sich in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts dem Siedlungsbau zu. So gründete er in Pasing die sogenannte Villenkolonie I. Lage und Zeitpunkt des Projekts waren günstig.

Der Bauboom der Gründerzeit

Die Grundstücks- und Baupreise in München waren wegen des Baubooms der Gründerzeit für den gehobenen Mittelstand unbezahlbar geworden. Die Eisenbahnverbindung München-Augsburg ermöglichte es, in ca. 12 Minuten von Pasing ins Münchner Stadtzentrum zu gelangen. Außerdem verfügte Pasing über Kanalisation und Stromversorgung, alles gute Voraussetzungen hier zu siedeln. Exter gelang es darüber hinaus die Residenzpflicht für Staatsbeamte in München auf Pasing auszudehnen.

Exter kaufte aus eigenen Mitteln die Grundstücke nördlich des Bahnhofs, parzellierte und erschloß sie. Darüber hinaus bot er den Käufern den Bau ihres Einfamilienhauses schlüsselfertig an. Heute würde man Exter einen Projektentwickler nennen. Auch finanziell kam er seinen Kunden entgegen: sie mussten zu Baubeginn nur einen kleinen Teil der Grundstücks- und Baukosten selbst bestreiten. Wegen ihres hohen laufenden Einkommens erhielten sie leicht Kredite und konnten so die Kosten über eine lange Laufzeit zurückzahlen.

Exter ließ 10.000 Prospekte drucken. Wegen der hohen Nachfrage nahm er ein zweites Projekt für eine Villenkolonie in Angriff. Allerdings weniger erfolgreich. Um 1900 trat eine Sättigung auf dem Münchner Immobilienmarkt ein. Siedlungen im Speckgürtel schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Kolonie II wurde mangels Nachfrage nicht vollens zu Ende geführt.

Den Charakter einer Kolonie erhalten

Von den damaligen Villen und Einfamilienhäusern sind heute noch ca. 40% erhalten. Viele der inzwischen denkmalgeschützten Villen befinden sich noch im Eigentum der damaligen Bauherren bzw. ihrer Erben. Der Ausbau der S-Bahnstammstrecke 1972 und die explodierenden Immobilienpreise in München ließen den Wert dieser Immobilien in astronomische Höhen steigen. Manche Erben können den Baubestand aus finanziellen Gründen nicht mehr denkmalschutzgerecht erhalten. Man sieht es den betreffenden Häusern an. Einzelne stehen zum Verkauf.

Trotz allem und vielleicht gerade deswegen lohnt sich ein Bummel durch die Straßen des Viertels, um den Blick über den Zaun in eine vergangene Villenarchitektur schweifen zu lassen. Die vielfältigen und ideenreichen Fassadenstrukturen kann man nur bewundern. Vom Jugendstil über romantische Burgen mit Türmchen bis zum Tiroler Landhausstil ist alles vertreten. Kein Vergleich zu heutigen oft eintönigen und einfallslosen Glas-/Betonkuben. Hoffentlich finden sich noch genügend private Nutzer, die solche Häuser auch finanziell instandhalten können. Sonst ziehen dort Kanzleien, Praxen oder Vermögensfonds ein und der Charakter der einstigen „Kolonie“ ginge völlig verloren.

PS: die Bilder der Kaffeehaus-Szenen um die Jahrhundertwende stammen von dem Trafohäuschen am Wensauer Platz. Der Künstler Wolfgang Haller bemalte es 2021 im Auftrag des Bezirksausschusses genauso wie ein weiteres Trafohäuschen für die Villenkolonie II (siehe den Blogbeitrag: Eine Trafostation als Kunstobjekt)

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6 Gedanken zu “August Exter‘s Idee einer Villenkolonie


  1. Sehr interessant und schön! In Pasing haben wir vor längerer Zeit gewohnt. Da muss ich unbedingt mal wieder hin. Inzwischen wohnen wir allerdings weit im Münchner Osten.


    1. Ein bischen schmerzt zu sehen, wie manche ihre Häuser bewußt verfallen lassen, damit man sie abreißen und einen Betonkubus dort hinstellen kann.


  2. Hallo Jürgen,
    tolle Bilder von geschichtsträchtigen Villen. Geld ist keine Garantie für guten Geschmack, aber sehen tut man es immer.
    Liebe Grüße Horst


    1. Lieber Horst, danke. Ich war nach der Recherche ganz verblüfft, wie „modern“ August Exter vor 120 Jahren sein Projekt angegangen ist. Das funktioniert heute noch genauso (oder manchmal auch nicht). Liebe Grüße Jürgen


  3. Lieber Jürgen, Deine Fotoserien und insbesondere die Recherche zum jeweiligen Thema sind einfach inspirierend.
    Wilfried


    1. Lieber Wilfried, danke. Ich denke, ich lerne dabei selbst am Meisten. Liebe Grüße und ein ruhiges Wochenende trotz der üblen Nachrichten von jenseits des Atlantiks.

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