Ein Ortsteil, der so gar nicht zum sonst „geschleckten“ München zu passen scheint: Giesing – ein Berliner Kiez in München?
Rote Hochburg
Ursprünglich war Giesing eine Landgemeinde, in der sich Handwerker und Tagelöhner ansiedelten, die in München keine Zunftzugehörigkeit oder kein Wohnrecht hatten. Am Isarhochufer gelegen, konnte man von hieraus schnell zu seinem Arbeitsplatz in München gelangen.
1854 war es dann soweit: Giesing wurde nach München eingemeindet. In den folgenden Jahrzehnten machte sich der Arbeiterstadtteil Giesing als rote Hochburg einen Namen. Hier kämpften die Revolutionäre von 1918/19 am längsten gegen die anrückenden Regierungstruppen und rechtsnationalen Freikorps. Daran und an die darauffolgenden Morde erinnern ein überdimensionales Graffiti (siehe auch früheren Blog: Münchner Revolutionäre) sowie eine Stehle am Tegernseer Platz. Jahre später rächten sich die Nazis für die „Schmach von Giesing“ indem sie ein Denkmal für die Freikorps errichteten. Die amerikanische Besatzungsmacht riss das Denkmal nach Kriegsende ab.




Blaue Fangemeinde
Heute herrschen in Giesing die „Blauen“ – zumindest was die Fußballfarben betrifft. Politisch dominieren im Stadtteil die Grünen (> 30%), fußballerisch die Fans vom TSV 1860 München. Der ewig klamme Drittligist sucht derzeit wieder einen neuen Investor, jedoch seine Fans bleiben ihm treu und das zeigen die vielen Graffitis im Stadtviertel. Der konkurierende Fußballverein FC Bayern München, „Die Roten“ genannt, ist hier weniger willkommen, obwohl deren Idol, Franz Beckenbauer, im Stadtteil Giesing geboren wurde. Dem 19-Jährigen Guliano Kollmann, einem Juniorspieler der „60er „, der 2016 Opfer des rechtsterroristischen Anschlags im OEZ wurde, widmeten die Giesinger in einem Hauseingang in der Tegernseer Landstraße ein Graffito zum Gedenken.




Ruhrpott oder Berliner Kiez?
Die Hauptschlagader Giesings bildet die Tegernseeer Landstraße. Ein architektonisches Sammelsurium, aus städtebaulicher Sicht ein Sanierungsgebiet. Neben einigen mehr oder weniger gelungenen Neubauten und ein paar wertvollen alten Kopfbauten (siehe Titelfoto) steht in der Straße manch heruntergekommene Bausubstanz. Wie beim TSV 1860 sind dringend Investoren gesucht. Friseurläden überall, einige Schnellimbissbuden, Läden für den täglichen Bedarf. Wenig Aufenthaltsqualität. Die Einwohner haben keine große Kaufkraft, was man an den Läden sieht . Man fühlt sich hier eher in einen Ort im Ruhrpott oder in ein Berliner Kiez versetzt als im reichen München. Zur Ehrenrettung sei gesagt, es gibt auch nette Ecken in Giesing. Mehr dazu im nächsten Blog.










(Fortsetzung folgt)
Hier findest du weitere Blogs zu München.

Lieber Jürgen,
in diesem Beitrag wird deine Verbundenheit mit dem gewachsenen München deutlich. Ein kritischer aber zugewandter Chronist.
Liebe Grüße Horst
Lieber Horst, vielen Dank. Es gibt so Vieles zu entdecken vor unserer Haustüre. Liebe Grüße Jürgen
Hallo Jürgen,
sehr informativer Text über Giesing, der dazu einlädt, sich näher mit dem nicht so populären Stadtteil zu beschäftigen, und wieder tolle Fotos. Gestern wollte ich mir eigentlich noch die riesige Mural in der Martin-Luther-Str. anschauen, aber dann regnete es wieder einmal. Das möchte ich nachholen. Wo genau an der TeLa sind denn die neuen Pieces, die du in deinem Bericht zeigst?
Auf die netten Ecken in Giesing bin ich ziemlich gespannt.
LG
Inga
Hallo Inga, nachdem München in den letzten Jahren durch den Zuzug immer mehr zu einer richtigen Großstadt heranwächst, finde ich es spannend die unterschiedlichen Seiten dieser Stadt näher zu belichten (im engeren und weiteren Sinn). Manche Ecken sind noch verschlafen, an anderen tobt inzwischen der Bär.
Modernes Gebäude an der Tela: z.B. Ecke Silberhornstraße, gleich gegenüber dem Gebäude auf dem ersten Bild im Blog.
Liebe Grüße Jürgen