Streifzüge durch München – September 2024

Weitwinkel oder Tele? Eine wichtige Stilfrage in der Streetfotografie. Streifzüge durch München – September 2024

Unter den Streetfotografen wird immer wieder kontrovers diskutiert, welche Objektivbrennweite sich am Besten für dieses Genre eignet. Soll man wie der berühmte Streetfotograf Cartier-Bresson ein Normalobjektiv (50 mm Brennweite) benutzen, das unseren menschlichen Sehgewohnheiten / Perspektiven am Nähesten kommt? Oder etwas mehr Umgebung ins Bild hinein ziehen mit einer 28 mm oder 35 mm Brennweite, wie viele bekannte Streetfotografen? Oder gar ins leichte Tele gehen, um die abzubildenden Objekte von ihrer Umgebung besser heraus zu lösen?

Street-Fotos mit leichtem Weitwinkel (Brennweite 28 mm)

Das leichte Weitwinkelobjektiv (insbes. 35 mm) gilt als klassisches Objektiv für Streetfotografie. Berühmte Namen wir Henry Cartier-Bresson, Garry Winogrand, Joel Meyerowitz oder Vivian Meyer machten diese Brennweite mit ihren Fotos berühmt.

Ich benutze das leichte Weitwinkel (egal ob 28 mm oder 35 mm) für Szenen, in denen Personen nicht im Vordergrund stehen. Es kommt mir dabei auf die Wiedergabe einer räumlichen Struktur an, in der sich durchaus prominent auch Personen befinden können, wie beim Foto Nr.1, wo zufällig eine Fotografin das gleiche Graffito fotografieren wollte, wie ich. Oder in der aktuellen Ausstellung im Lenbachhaus über Orhan Pamuk (Foto Nr.3). Die Frau sieht sich die Zeichnungen des bei uns nur als Literat bekannten Autoren an. Sie ist zwar Blickfang, aber nicht Hauptinhalt.

Im Hintergrund des Fotos Nr.2 ist zwar eine Besucherin zu erkennen, die im Vorraum des Museums wartet. Viel wichtiger war mir die Spiegelung im Fenster beim Durchblick in den Vorraum des Lenbachhauses. Dass man mit leichtem Weitwinkel die Objekte herausheben kann, zeigt Bild Nr.4. Es entstand auf der Terasse vor dem Lenbachhaus mit Blick auf die Propyläen. Die beiden Handmühlen des Restaurants im Vordergrund wirken wie die Türme der Frauenkirche. Voraussetzung für die Wirkung dieses Foto war zum einen eine hohe Lichtstärke des Objektivs (f/1,4) und dadurch eine geringe Schärfentiefe, zum anderen der Helligkeitsunterschied zwischen Vorder- und Hintergrund.

Street-Fotos mit leichtem Tele (Brennweite 85 mm)

Wenn ich auf meinen Streifzügen vorwiegend Menschen auf der Straße abbilden möchte, benutze ich ein leichtes Tele (Brennweite 85 mm). Nun könnte jemand einwenden, daß dies auch mit den oben beschriebenen Weitwinkelobjektiven möglich wäre. Dafür stehen auch die o.g. bekannten Streetfotografen. Nur was in den USA durchaus üblich und akzeptiert ist, nämlich Personen auf der offenen Straße zu fotografieren, ist in Deutschland der 20er Jahre dieses Jahrhunderts schwierig geworden. Wahrscheinlich gerade wegen der massenhaften Verbreitung der Smartphones fallen wir als Streetfotografen mit unseren Kameras besonders auf.

Auch für die Nutzung leichter Teles gibt es berühmte Beispiele wie Gregory Crewdson und seine Fotos aus den amerikanischen Kleinstädten. Abgesehen von der räumlichen Distanz bietet das Tele einen optischen Vorteil: ich kann die abgebildeten Personen zum einen durch den schmaleren Bildwinkel und zum anderen durch die geringe Schärfentiefe besser aus dem Chaos der Umgebung herauslösen. Im Foto 2 hätte der junge Mann nie so unbekümmert seinen Weg fortgesetzt, wenn ich nur zwei Meter neben ihm auf sein Vorbeigehen gewartet hätte. Die Touristin in Bild 4 neben der Statue von Julia wäre bei einem Weitwinkel unter den sie umgebenden Menschen kaum aufgefallen. Positiv wirkte bei all diesen Fotos eine Verdichtung der räumlich entfernt liegenden Bildteile durch das Tele.

Schleppe ich nun eine ganze Batterie an Objektiven mit auf meinen Streifzügen? Nein. Ich überlege mir im Vorhinein, was ich fotografieren will und nehme nur eine Brennweite mit. Das zwingt mich zur Konzentration auf bestimmte Situationen, Szenen und Bildschnitte.

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10 Gedanken zu “Streifzüge durch München – September 2024


  1. Sehr gute Fotos und interessanter Text, wobei ich schon finde, dass die als Hauptmotiv abgebildeten Personen im nachhinein gefragt werden sollten, ob sie mit der Veröffentlichung einverstanden sind („Recht am eigenen Bild“).

    Habe zwar nur zwei Objektive aber regelmäßig das Falsche dabei. Bei meinen Fototouren ergeben sich oft spontan noch andere Motive als die geplanten. In der näheren Umgebung ist das natürlich nicht schlimm.


    1. Vielen Dank. Zur Frage „Recht am Bild“ habe ich am Ende meiner Webseite etwas verfaßt: https://jgs-photo.com/about-me/. Das Thema „falsches Objektiv dabei“ kenne ich auch. Auf Reisen arbeite ich daher gern mit einem Zoom (24-120 mm), das paßt in 95% der Fälle. Für meine Streifzüge durch München nehme ich nur eine Festbrennweite mit, ich kann ja nochmals vorbeikommen, wenn‘s die Falsche ist.


  2. Lieber Jürgen, da sind jedesmal spannende Fotos dabei. Denke, von nun an mein Bild des Monats zu wählen, diesmal klar die Nr.4! Dieses Motiv muss man erst mal sehen!
    liebe Grüße Wilfried


    1. Lieber Wilfried, danke, sehe ich auch so. Drum hab ich das Foto in den Titel gestellt. Ich mag eigentlich die Propyläen überhaupt nicht, da sie eine architektonische Verballhornung griechischer Vorbilder darstellen und von den Proportionen her die Teile nicht zusammen passen. Das Amüsante ist die Nebengeschichte des Tors: der Sohn (Otto) des Auftraggebers (Ludwig I) wurde aus Griechenland vertrieben. Dort wollte man ihn nicht als Herrscher. So unscharf im Hintergrund kann ich mit dem Objekt gut leben 😉. Liebe Grüße Jürgen

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