Streetfotografie lernen mit Vivian Maier

Sie gilt posthum als eine der talentiertesten Streetfotografinnen des 20. Jahrhunderts. Autodidaktin, von Beruf Kindermädchen. Zu Lebzeiten unter den Fotografen völlig unbekannt. Trotzdem ein großes Vorbild: Streetfotografie lernen mit Vivian Meier.

Ihr Werk wurde 2007 erst kurz vor ihrem Tod bzw. posthum bekannt. Sie selbst zeigte nur wenige ihrer Bilder einem kleinen Personenkreis. Was heute von ihren Filmrollen veröffentlicht ist, hat erst die Nachwelt aufbereitet. Es zeigt sich, daß heutige Streetfotografen viel von ihren Bildern lernen könnnen.

Ich will anhand meiner eigenen Bilder zeigen, was ich gelernt habe, als ich mir die veröffentlichten Fotos angesehen habe. Am Ende des Textes findet ihr Links zu lesenswerten Büchern über Vivian Maier.

Die Perspektive

Wie viele ihrer Selbstportraits zeigen, nutzte sie vor allem eine zweiäugige Rolleiflex mit Schachtsucher, die sie an einem Gurt um den Hals trug. Dadurch entstanden viele Bilder auf Hüfthöhe. Die Personen wurden leicht von unten nach oben abgebildet. Das Fotografieren aus der Hüfte gelingt mir heute auch ohne Schachtsucher dank der schwenkbaren Kameradisplays.

Die Nähe zu den abgebildeten Personen

Bei vielen ihrer Aufnahmen war sie nicht weiter als rund zwei Meter von den abgebildeten Personen entfernt. Oft gelang es ihr, diese Personen unbemerkt zu fotografieren. Die Vermutung ist auch, daß sie bei ihren Streifzügen durch Chicago, wo sie als Kindermädchen arbeitete, als „Tarnung“ die Kinder nutzte, die sie währenddessen beaufsichtigte.

Das läßt sich heute zumindestens bei uns in Deutschland nicht so einfach realisieren, es sei denn, die Abgebildeten willigen ein. Gelingt es, nahe genug heran zu gehen, so entsteht eine deutlich dichtere Atmosphäre.

Schatten als Gestaltungselement

Vivian Maier war sehr oft tagsüber mit den von ihr betreuten Kindern unterwegs. Sie nutzte die starken Schlagschatten durch die Sonne und bezog sie in ihre Bildgestaltung ein. Dies ist ein häufig verwendetes Stilmittel in der Schwarzweißfotografie. Es geht bis dahin, nur Silhouetten von Personen zu zeigen.

Mehrere Ebenen in einem einzigen Bild

Hier handelt es sich ebenfalls um ein typisches Sujet in der Streetfotografie. Durch die vielen reflektierenden Flächen im städtischen Raum (Schaufenster, Karosserieblech, Wasserpfützen etc.), durch Einfahrten, Durchgänge, Brücken etc. lassen sich in einem einzigen Bild mehrere Ebenen darstellen und so in Beziehung zueinander setzen.

Vivian Maiers Bilder wirken oft durch die spontanen Handlungen der Protagonisten. Das täuscht darüber hinweg, daß sie den Bildaufbau sehr genau auswählte. Beides zusammen zu bringen ist für mich eine ständige Herausforderung.

Leere Räume – Negative Space

In der Regel sind Strassenszenen chaotisch. Die Kunst ist, das Besondere in der Szene zur Geltung zu bringen indem man es isoliert. Das gelingt umso leichter, je ruhiger der Hintergrund ist. Geduld und eine Portion Glück gehören dazu. Manchmal auch regenfeste Kleidung.

Was mich fasziniert: Vivian Maier schoß jeweils nur ein einziges Foto von einer Szene, da sie wenig Geld hatte, sich die Filmrollen zu kaufen. Und auf den Filmrollen gibt es kaum ein unscharfes Foto – ganz ohne Autofokus!

Ironie und Zufall

Vivian Maiers Werk ist voll von ironischen Zufallsbegegnungen. Eine Schaufensterpuppe kommuniziert anscheinend mit einem Passanten. Ein Schriftzug über einer Szene korrespondiert zufällig mit dem Geschehen davor. Wie der Name schon sagt, kann man Zufälle nicht planen. Doch manchmal kann man ihnen auf die Sprünge helfen: durch aufmerksames Beobachten, Geduld und die Bereitschaft zu warten – bis sich die Elemente für einen kurzen Moment zu einem stimmigen Bild fügen. Dann kommt es nur noch darauf an, im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken.

Hier einige lesenswerte Bücher über Vivian Maier:

  • John Maloof (Hrsg.): Vivian Maier Streetphotographer, 2011, Verlag Schirmer / Mosel; klassischer Einstieg mit rund 100 Schwarzweißaufnahmen
  • Anne Morin (Hrsg.): Vivian Maier, 2022, Thames & Hudson;
    untersucht v.a. die Bildsprache
  • Ann Marks: Vivian Maier Developed: The Untold Story of the Photographer Nanny, 2021, Atria Books;
    die umfangreiche Biografie stellt die Person in den Mittelpunkt

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4 Gedanken zu “Streetfotografie lernen mit Vivian Maier


  1. Sehr inspirierender Beitrag, danke! Ich mag ihre Fotografie auch sehr, hier wartet schon lange ein Bildband, den ich mal mit Musse und fotografischem Blick geniessen möchte. Deine Fotos sind auch gut gelungen, sie zeigen schön die Umsetzung deines Artikels und der darin genannten Punkte.


  2. Lieber Jürgen,
    ein absolut gelungener Bericht zu Vivian Maier und wie gewohnt mit tollen, beispielhaften Fotos versehen.
    Liebe Grüße, Horst


    1. Lieber Horst,
      ich wünschte mir heute manchmal genauso unbefangen an die Streetfotografie herangehen zu können, wie früher Vivian Maier.
      Liebe Grüße Jürgen

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