Münchner Geschichte(n) erforschen

Wer sich intensiv für Münchner Geschichten interessiert, der hat eine Adresse: das Monacensia im Hildebrandhaus. Hier kann man in Ruhe und beschaulicher Atmosphäre Münchner Geschichte(n) erforschen.

Eine Künstlervilla mit bewegender Geschichte

Das Hildebrandhaus im Münchner Stadtteil Bogenhausen war seit seiner Erbauung 1898 ein Treff der Münchner Bohème. Die sich hier befindende Dauerausstellung „Maria Theresia 23“ zeugt davon. Der Bauherr, Adolf von Hildebrand, reussierte als Bildhauer. Nachdem er für die Errichtung des Wittelsbacher Brunnen am Lenbachplatz Lob von allen Seiten bekam, inzwischen zum Haus Wittelsbach engen Kontakt hielt, entschloss er sich, das Grundstück Maria Theresia 23 am Isarhochufer zu erwerben und eine damals in Mode gekommene Künstlervilla zu errichten. Von diesen Villen mit Atelier existieren heute in München noch zwei weitere: das Lenbachhaus und die Villa Stuck. Architekt und Bauunternehmer des Hildebrandhauses war übrigends der gleiche wie der für das Münchner Künstlerhaus: Gabriel von Seidl (siehe Blog: 125 Jahre auf und ab).

Der Sohn des Bauherrn, Dietrich von Hildebrand, ein theologischer Philosoph engagierte sich frühzeitig gegen die Nazis und musste deshalb emigrieren. Er verkaufte das Haus notgedrungen 1934 an Frau Elisabeth Braun, eine getaufte Jüdin, die einen jahrelangen Kampf gegen die Enteignung durch die Nazis führte. Erst nachdem sie 1941 zusammen mit ihrer Mutter und weiteren 15 Bewohnern des Hauses bei einer Massenerschießung im KZ Kauen in Litauen von den Nazis ermordet worden war, fiel das Haus in deren Hände. Die ganze tragische Geschichte des Hauses und seiner mehr oder weniger bekannten Bewohner ist anschaulich in einem Teil des Gebäudes dargestellt.

Ein Museum über die Münchner Bohème der 20er Jahre

Im Hildebrandhaus verkehrten in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts namhafte Künstler und Persönlichkeiten. Sie trafen sich zu Musikveranstaltungen, Lesungen oder Gesprächskreisen. Unter „Bohème“, so steht es im Begleitheft zur Ausstellung im Hildebrandhaus, sind Menschen gemeint, die „ungebunden und frei als Künstler*innen leben“. Zahlreiche visuelle und Tondokumente im Erdgeschoss bringen dem Besucher die wilde Zeit der „Goldenen Zwanziger“ näher, die bekanntlich zwar wild, aber nur für die wenigsten golden war.

Ein Ort zum Stöbern in Münchner Geschichte(n)

Wochentags ist kaum etwas los im Hildebrandhaus. Man kann in Ruhe in der Präsenzbibliothek stöbern oder sich ein Buch leihen. Seit 1977 befindet sich hier das Münchner Literaturarchiv Monacensia. Die Bibliothek ist bestens ausgestattet für alle literarischen wie auch Sachthemen rund um München. Wie heißt es so schön in der Selbstauskunft: das „literarische Gedächtnis der Stadt“. Es sollen 150.000 Bücher hier liegen, ich glaube es einfach. Einziger Wermutstropfen: die Cafeteria ist geschlossen, sie hat sich wohl nicht gerechnet. Also Kaffeebox und viel Zeit mitbringen, die Öffnungszeiten beachten und sich zum Lesen hierher zurückziehen. Anfahrt: Tram Linie 37 ab Max-Weber-Platz bis Haltestelle Holbeinstraße.

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4 Gedanken zu “Münchner Geschichte(n) erforschen


  1. Lieber Jürgen, das ist ja ein Prachtsbau. Die Bezeichnung Villa ist da schon eine Verniedlichung. Tolle Innenaufnahmen!
    Liebe Grüße Horst


    1. Lieber Horst, danke. Im Vergleich zum Lenbachhaus oder zur Villa Stuck eher ein bescheidenes Domizil 😉. Es war nach dem Krieg dem Verfall preisgegeben. Erst in den 70ern und v.a. zwischen 2013 und 2016 wurde es durch die Stadt München denkmalschutzgerecht renoviert. Es ist ein kaum bekanntes Münchner Juwel und eine Oase der Ruhe. Liebe Grüße Jürgen.


  2. Danke für den tollen Bericht! Die Fotos sind auch klasse. Die Monacensia will ich mir schon lange anschauen. Wie schade! Dass das Café geschlossen is.

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