Ende einer Lebensweise

Die Pfahlsiedlungen aus der Stein- und Bronzezeit an den See- und Flußufern im Alpenraum wurden in der Mitte des 9. Jhd. v. Chr. verlassen. Was waren die Gründe für das Ende einer Lebensweise, wie sie über Jahrtausende bestand?

Die rekonstruierten Pfahlbauten bei Unteruhldingen geben einen tiefen Einblick in die Lebensweise unserer Vorfahren aus dem Neolithikum und der Bronzezeit. Es erstaunt mich immer wieder, wie weit unsere Verfahren damals schon in der Anwendung von Techniken und in ihren sozialen Strukturen waren. Gegenüber meinem letzten Besuch dort im Museum in Unteruhldingen vor mehr als einen viertel Jahrhundert sind viele Bauten hinzugekommen. Das Museum feierte letztes Jahr sein 100 jähriges Bestehen. Ein Besuch dort ist aktueller, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Seit 2001 sind die erforschten Pfahlbauten (nicht die Nachbauten) am Bodensee und anderen Stätten im Alpenraum UNESCO Weltkulturerbe. Die Lebensweise in den Pfahlbauten begann vor rund 4000 Jahren und endete in der Mitte des 9. Jhd. v. Chr. Die Pfahlbauweise im Flachwasser bot wohl viele Vorteile: Nähe zum Fischreichtum des Sees, Schutz vor wilden Tieren und feindlichen Stämmen, einfache Transportwege übers Wasser etc.

Was mich beim Rundgang durch die Hütten und die rekonstruierten Innenräume durch den Kopf ging, war die Frage, warum das alles in der Mitte des 9. Jhd. v.Chr. endete? Die Forscher sind sich wohl nur darin einig, daß es ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren war. Z.B. Änderung des Wasserstands am Bodensee, Mangel an Baumaterial durch Übernutzung, Überweidung bis hin zu sozialen Konflikten. Jedenfalls zogen sich die Bewohner mehr ins Landesinnere zurück.

Was heißt das für uns heute? Unsere heutigen „Pfahlbauten“ sind zwar aus Stahlbeton aber in vielen Regionen zu nahe an der Küste und würden einem Anstieg des Meeresspiegels durch die Klimaerwärmung nicht stand halten. Auch wir treiben Raubbau an den Ressourcen unserer Erde, sind aber nicht gewillt unser Leben entsprechend umzustellen. Und einen Anstieg der Konflikte bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen erleben wir gerade. Damals betraf es nur eine bestimmte Region und Population. Heute betrifft es den ganzen Planeten und unsere gesamte Spezies. Haben wir so wenig dazu gelernt?

4 Gedanken zu “Ende einer Lebensweise


  1. Lieber Jürgen,
    ja, wir unterscheiden uns vom restlichen Tierreich nicht wesentlich. Es gibt Tiere, die ihren Lebensraum durch zu hohe Population zerstören. Dann müssen sie weiterziehen. Unsere Population ist aber inzwischen so groß, dass weiterziehen das Problem nicht löst. Die Bewohner der Osterinseln haben uns vorgemacht was passiert, wenn wir es dauerhaft übertreiben.
    Viele Grüße Horst


    1. Lieber Horst, es mag sarkastisch klingen, aber die Erde hat schon eine Handvoll Beinahkatastrohen erlebt und das Laben auf der Erde hat überlebt, wenn auch jeweils in neuen Formen. Neu an der sich anbahnenden Katastrophe ist, daß sie von einer Spezies verursacht wird, die wohl weiß was sie tut. Vielleicht liegt darin ja auch eine Chance, daß das Ruder noch einmal herum gerissen wird. Liebe Grüße Jürgen


  2. Großartiger Bericht, zu dem monochromen Fotos sehr gut passen. Wir haben die Pfahlbauten im letzten September besucht und waren sehr beeindruckt von der interessanten Präsentation des stein- und bronzezeitlichen Lebens und davon, dass die Stätte von einem Verein und hauptsächlich ehrenamtlich betrieben wird.

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