Schöne neue Welt

Haben wir uns die Zukunft des Wohnens und Arbeitens so vorgestellt? Wer durch die Häuserfluchten des neuen Viertels im Hirschgarten in München spaziert, denkt wohl unweigerlich an Aldous Huxleys Roman „Schöne Neue Welt“ aus dem Jahr 1932.

Bürokuben für die „Epsilons“

Woher kommt dieser Eindruck? Zugegeben: tagsüber sind wenig Menschen hier unterwegs. Dazu fehlt es an urbanen Treffpunkten. Die Menschen, die sich zwischen den Bürokomplexen wie die „Epsilons“ in Huxleys Roman bewegen, versuchen zielstrebig die Leerflächen zu überwinden, um in einem der Bürokuben oder Wohntürme zu verschwinden. Manche verlassen kurz ihr Büro. Sie besorgen sich im Supermarkt einen Snack, der mangels anderer Verzehrmöglichkeiten mit zum Schreibtisch genommen wird.

Wohntürme für die „Alphas“

Dabei wird diese Welt in den Immobilienprospekten doch als erstrebenswert gepriesen. Einer der Wohntürme nennt sich FRIENDS. O-Ton Projektentwickler: „Der Kerngedanke von FRIENDS ist die Maximierung des Wohnerlebnisses… Vor allem aber kann man aus nahezu jeder Wohnung einen Schritt vor die Fassade machen … übrigens immer ohne dabei in die Wohnung der Nachbarn schauen zu können.“ Wie man hier Nachbarschaften oder gar „Freunde fürs Leben“ (O-Ton) gewinnen kann, bleibt wohl ein Rätsel. Ja, der Komfort in den Wohnwaben ist maximal, wie der Quadratmeterpreis. Der hauseigene Fitness-Bereich und Dachgarten garantiert, daß man dort nur Leute seinesgleichen trifft – die „Alphas“ aus Huxleys Roman bleiben unter sich.

Die Globalisierung der gehobenen Wohnwelt

Ich kenne das aus den Wohntürmen in Manhattan: auf dem Weg ins Büro liefert man beim Concierge im Erdgeschoß das verschwitzte Hemd und den bekleckerten Anzug von gestern ab und bekommt abends alles gereinigt und gebügelt zurück. Dafür sorgt in den Kellern New Yorks ein ausgedehnter Niedriglohnsektor. In die gut bewachten Wohntürme darf ein Fremder nur, wenn der Concierge durch Rückruf bestätigt bekommt, daß der Besucher willkommen ist. Der Concierge drückt im Aufzug die Etagennummer. Keiner darf verloren gehen. Schöne neue Welt.

Ein weiterer Blog zum Architekturgeschehen in München: Raum für neue Ideen

2 Gedanken zu “Schöne neue Welt


  1. Lieber Jürgen,
    was die immer wieder auftretende Problematik neuer Quartiere betrifft, zumindest immer dann, wenn es an gezielter Durchmischung fehlt, teile ich deine Skepsis. In deinen Bildern ist es dir aber gelungen die ästhetische Seite dieser Bauwerke einzufangen. Besonders überzeugend finde ich die Bilder 2, 4 und 7.
    Liebe Grüße, Horst


    1. Lieber Horst, danke. Ja ansprechende Ästhetik ist eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung für soziale Stadtentwicklung. Liebe Grüße Jürgen

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