Warum sind unsere Neubauten so langweilig und austauschbar?

Wer die authentisch restaurierten Gründerzeithäuser in München sieht, fragt sich oft: Warum sind unsere Neubauten so langweilig und austauschbar?

In dieser Blogreihe habe ich oft kritisiert, wie langweilig die Neubauten von heute sind. Besonders auffällig ist das, wenn man die Gründerzeit-Häuser mit ihren schönen Fassaden betrachtet. Jedes dieser Häuser ist einzigartig. Warum konnte man damals so vielfältig und ausdrucksstark bauen? Liegt es am Geschmack oder am Erbe der Moderne? Dieser Frage bin ich nachgegangen.

Pracht vorne – Elend hinten

Die Architektur der Gründerzeit (ca. 1870-1914) spiegelte den Wunsch nach Selbstdarstellung wider. Häuser sollten beeindruckender sein als die der Nachbarn. Die Fassaden zeigten Status, Wert und Werbung. Der Städtebau wurde von Industriellen, Großgrundbesitzern und spekulativen Baugesellschaften geprägt. Damals besaßen 10% der Bürger 85-90% des Vermögens.

Die Kehrseite: hinter der Straßenfassade der Reichen gab es dunkle Hinterhöfe, enge Bebauung. Die Wohnverhältnisse waren für die meisten Münchner damals prekär.

Renditeaspekte und Bauordnungen begünstigen phantasielose Neubauten

Die Bauherren heute sind anders als früher. Es sind Projektentwickler, Fonds, Genossenschaften und kommunale Träger. Die Vermögensverhältnisse haben sich verändert: die oberen 10% besitzen 60-65% des Gesamtvermögens, das Kapital ist breiter verteilt und stärker reguliert. Jedoch hat sich die Verteilung seit den 1980er Jahren wieder verschlechtert.

Für Fassadenschmuck wird heute weniger Geld ausgegeben als früher. Er erhöht die Baukosten, erfordert ständige Wartung und bringt kaum höhere Mieterträge. Die heutigen Bauvorschriften schränken zudem die Gestaltungsmöglichkeiten ein. Bauherren benötigen keine aufwändigen Fassaden als Statussymbol; ihr Prestige holen sie sich durch Rendite, Marke und Portfolio.

So sehr wir die Ästhetik der Gründerzeit schätzen, besonders nach der Renovierung der Häuser, so sehen wir die damaligen sozialen Probleme und fehlenden Sanitäranlagen heute nicht mehr. In Zeiten von Wohnungsknappheit und hohen Mieten in München ist jeder froh über eine moderne, einfache Neubauwohnung zu einem fairen Preis. So paradox es klingt: Die Ungleichheit damals förderte den Prunk, während die größere Gleichheit heute das funktionale Bauen unterstützt.

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5 Gedanken zu “Warum sind unsere Neubauten so langweilig und austauschbar?


  1. Lieber Jürgen,
    diese Fragestellung hast du sehr fundiert aufgearbeitet. Vielleicht noch einen Aspekt: Die klare Formensprache der modernen Architektur beinhaltet das Risiko, in Langeweile abzugleiten. Denn jenen Architekten, welche die minimalistische Gestaltung nicht beherrschen, bleibt nur die Ausdruckslosigkeit.
    Noch einen schönen Sonntag, Horst


    1. Lieber Horst, ja unter den Architekten gibt es auch etliche, die ihr Handwerk nicht beherrschen. Was mich aber besonders fassungslos macht, sind etliche Villenneubauten z.B. im wohlhabenden Vorort von Grünwald. An Geld mangelt es hier im Gegensatz zum Siedlungsneubau nicht. Es mangelt an Geschmack und sozialem Einfühlungsvermögen der Bauherren. Da stehen moderne Bunker verborgen von meterlangen Mauern.
      Liebe Grüße Jürgen


      1. Lieber Jürgen,
        da geht es mir wie dir. In unserer Region wird in solchen Fällen immer das Prädikat „neureich“ vergeben. Das basiert natürlich auch auf Vorurteilen, denn Geschmacklosigkeit ist weit verbreitet.
        Liebe Grüße Horst


  2. Hier erhielten die Flachbauten (4 Etagen) in einem neuen Stadtteil den Vorzug. Die Begründung war, dass sie flexibel seien und gegebenenfalls aufgestockt werden könnten.
    Dennoch finde ich, dass es auch um Architektur gehen sollte, die hier jedoch eher an zweiter Stelle steht. Das finde ich sehr schade. Täglich fahre ich mit der Tram auch an Bauten vorbei, die eine deutlich andere Sprache sprechen. Da haben Steinmetze wunderbare Arbeit geleistet…

    Liebe Grüße,
    SyntaxiaSophie


    1. Daß moderner, abwechslungsreicher und trotzdem bezahlbarer Siedlungsneubau möglich ist, dafür gibt es viele Beispiele. Leider sind es nur wenige Leuchtturmprojekte, die zu wenige Nachahmer finden.

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