Der Mann hinter dem Massaker

„How to catch a Nazi“ ist das Thema einer außergewöhnlichen Ausstellung im Untergeschoß des Museums für Ägyptische Kunst in München. Es geht um die Gefangenname und Entführung eines bekannten Täters des Naziregimes: Adolf Eichman, der Mann hinter dem Massaker an sechs Millionen Juden, Behinderten, Andersdenkenden, Homosexuellen.

Flucht nach Argentinien

Das Naziregime war besiegt, aber viele Täter liefen frei herum. Das war die Situation 1945. Einer dieser Täter, Adolf Eichmann, der wesentlich an der Organisation des Massenmords beteilgt war, tauchte zunächst in der jungen Bundesrepublik unter. 1950 floh er – wie viele andere Nazis – nach Argentinien (siehe die Karrikatur unten, wo sich die Nazigrößen über die Landkarte beugen und ihre Fluchtziele besprechen). In Argentinien gab sich Eichmann den Namen Ricardo Klement.

Die Ergreifung und Verbringung nach Israel

Die Ausstellung beschreibt anschaulich und anhand von Dokumenten und persönlichen Gegenständen, wie es dem jungen Staat Israel und seinem Geheimdienst Mossad gelang, den Täter in Argentinien ausfindig zu machen und under cover an Bord einer ElAl-Maschine 1960 nach Israel zu verbringen. Dort wurde er 1961 angeklagt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Es ist bis heute das einzige Todesurteil, das in Israel verhängt wurde.

Die Ergreifung und der Prozess schlugen hohe Wellen in der jungen Bundesrepublik

Wer sich mit der Geschichte der Bundesrepublik bislang nur wenig beschäftigt hat, kann nicht verstehen, dass das Echo in der BRD sehr zwiegespalten war. Der eine Teil der Bevölkerung wollte die Nazivergangenheit dem Vergessen anheim geben und nicht damit konfrontiert werden. Der Prozess aber wurde weltweit im Rundfunk übertragen. Die Erlebnisberichte der über einhundert überlebenden Zeugen rüttelte die Bevölkerung auf.

Es gab aber auch jene, allen voran der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der es dem Mossad ermöglichte, in den Archiven der Staatsanwaltschaft nach Hinweisen auf den Täter zu suchen. Dies geschah insgeheim, da Bauer Sorge hatte, dass die noch zahlreichen Nazis in der bundesdeutschen Justiz das Vorhaben dem Gesuchten verraten könnten. Dafür wurde Bauer lange Zeit in der BRD angefeindet.

Ein Stück Geschichtsunterricht

Die Ausstellung wurde vom Maltz Museum in den USA in Zusammenarbeit mit dem Mossad und dem Museum des jüdischen Volkes entwickelt. Auch wenn einige Elemente der Ergreifung Eichmanns nach meinem Empfinden etwas reisserisch dargestellt sind, gibt sie doch einen hervorragenden Einblick in den Umgang der damaligen BRD mit der Nazivergangenheit und den Tätern. Sehr bewegend sind die Filmausschnitte aus dem Prozess, die Berichte der Überlebenden und die Reaktionen des Angeklagten, der seine Taten übrigens nie bereute, sondern sich als Befehlsempfänger herauszureden versuchte.

Die Ausstellung wird noch bis 30.04. gezeigt, Näheres gibt es hier nachzulesen. Sie ist angesichts neuer Vorstellungen von Vertreibung und Stigmatisierung von Minderheiten und Geflüchteten aus der rechtspopulistischen Szene sehr wertvoll. Gleichermaßen sehenswert sind auch zwei Filme, ein dokumentarischer über den Prozess „Die Eichmann-Protokolle“ (Originaltitel: „The Eichmann Show„) aus 2015, zum anderen ein Hollywood-Film über die Ergreifung Adolf Eichmanns („Operation Finale“ 2018).

Die Rolle der Justiz nach 1945 und ihr Umgang mit den ehemaligen Nazis wird übrigens auch sehr gut in der Dauerausstellung im Justizpalast in München dargestellt.

2 Gedanken zu “Der Mann hinter dem Massaker


    1. Lieber Horst, ja v.a. weil der Kreis, der den Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit der Nazi-Vergangenheit damals mitbekommen hat, biologisch bedingt immer kleiner wird. Liebe Grüße Jürgen

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