Fest verwurzelt

Wer Georg Kiening zum ersten Mal begegnet, hat sofort den Eindruck, den haut so schnell nichts um.
Wir verabreden uns mit ihm für drei Uhr fünfzehn in der Gemüsehalle des Großmarkts in München.

Um die Lichtverhältnisse zu erkunden, sind wir in dieser Nacht schon etwas früher da und werden von den umliegenden Marktlern gefragt, auf wen wir warten. „Der Kiening kommt um Viertel nach drei“. Und genauso ist es. Pünktlich fährt er den LKW in die Halle, setzt sich dann auf den Stapler und entlädt die Paletten mit frischem Gemüse und Kräutern. Es ist mitten in der Nacht, den Gesichtern ist es anzusehen, aber in der Halle ist es taghell.

Er macht das jeden Wochentag, seit nunmehr 35 Jahren. Mittwochs ist sein Sohn dabei. An den anderen Tagen, sagt er uns später, kann er bislang noch seine Frau dazu überreden mitzukommen. Der Großmarkt ist sein Revier, das bekommt auch sein Sohn zu spüren, der ansonsten im heimischen Betrieb durchaus schon das Sagen hat. Warum tut er sich das an und schickt nicht die Jüngeren aus dem Karlsfelder Betrieb? Ganz einfach, erklärt er uns. „Ich kann einem Mitarbeiter sagen, was der Preis für eine Kiste heute sein soll. Dann kommen aber Kunden und wollen fünf oder zwanzig Kisten. Da muss ich dann einen Sonderpreis machen. Und den mache ich besser selbst, da ich die meisten Kunden kenne.

An diesem Mittwoch ist es ziemlich ruhig. Nur wenige Kunden kommen heute Nacht durch die Halle. Das hat sich gegenüber früher geändert, seit die Gemüseabteilungen in den Supermärkten besser geworden sind. Für die kleinen Händler lohnt es sich immer weniger, einen eigenen Laden zu unterhalten. So beliefert Georg Kiening inzwischen auch große Supermarktketten. Frische regionale Ware ist beim Kunden beliebt und kann mit der Bio-Ware gut konkurrieren. Seine Kunden, die zu dieser frühen Stunde zu ihm kommen, kennt er alle persönlich. Manche schreiben sogar selbst auf, was sie mitnehmen. „Stimmt immer“, sagt er uns.

Wie er das alles schafft? Nachts in der Großmarkthalle, anschließend Supermärkte beliefern und schließlich einen Gärtnereibetrieb mit 7 1/2 Hektar Land leiten? Er sieht uns etwas verständnislos an und zuckt mit den Schultern. Familienbetrieb eben, in der dritten Generation. Immerhin hat er, sich eingeschlossen, vier Gartenbaumeister im Betrieb. Dazu kommen noch Hilfskräfte aus der Türkei, Rumänien, Pakistan. Willkommen in unserer globalisierten Welt.

Was zu tun er sich vorstellen könnte, wenn er mal doch in Rente gehen sollte? Entwicklungshilfe! Anderen, die es in den ärmeren Ländern dringend nötig hätten, sein Wissen über Anbau, Bewässerung etc. weitergeben. „Aber ob ich das noch schaffe, wenn es mal soweit ist, nach all den Jahren hier im Betrieb?“, fügt er zweifelnd hinzu.

Über den Autor JGS-Photo

I take photos since more than 50 years. The main interest belongs to street photography and outdoor portraits. People and their behaviour are my favorite themes.

4 Kommentare

  1. Interessantes Thema, Großmarkt, Lebensmittelversorgung in einer Großstadt.Und es wird etwas von der Persönlichkeit des Gartenbaumeisters (Familienbetrieb in der dritten Generation) sichtbar.

    Ihr habt ihn vorher gekannt, oder? Ein Besuch in seinem eigenen Betrieb wäre sicher auch interessant.

    Die Galerie Funktionalität ist ja auch cool, erst dachte ich, mein Gott hast du viele Kameras im Einsatz. Aber dann habe ich noch einmal das „WIR“ gelesen und ebenso die Copyright-Informationen genauer erfasst 🙂

    1. Wie alle Portraitierten in dem gesamten Fotoprojekt haben wir auch Herrn Kiening zuvor nicht gekannt. Wir waren auch in seinem Gartenbaubetrieb indem er neben den Familienmitgliedern auch Ortsansässige und Zuwanderer beschäftigt. Aus unserer sehr eingeschränkten Perspektive ein funktionierendes System, wie Zuwanderer bei uns sinnvoll beschäftigt werden können. Wir haben große Achtung vor seiner Lebensleistung gewonnen.
      Was die Kameras betrifft, sind viele im Einsatz, ja. Das ist aus meiner Sicht für diese Art von Fotografie jedoch weniger von Bedeutung. Wichtig ist, sich zuvor einen Setplan zu machen, welche Szenen man „im Kasten“ haben will. Wir kennzeichnen unserer Bilder idR nicht mit Namen, da wir in diesem Projekt als Team auftreten mit unterschiedlich verteilten Rollen.

      1. Moin. Der Teamgedanke gefällt mir gut. Zur Zeit lese ich ab und zu Literatur zum Thema „sozialdokumentarische Fotografie“ und dort habe ich ähnlich ausgepägte Gedanken und Praxis gefunden. Allerdings bin ich selber alleine unterwegs (meistens).
        Das Stichwort Setplan finde ich interessant.
        Danke nach München.

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