Kanaler trotzt der Angst vor der Dunkelheit

Wir lernen Nuretin Turan (40 J.) als einen aufgeschlossenen, fröhlichen Menschen kennen, der mit Freude bei der Arbeit ist. Man sieht es ihm an.

Mit dreizehneinhalb Jahren zieht er mit seiner Familie dem Vater von der Türkei nach Deutschland nach. Zunächst besucht er die Übergangsklasse, da seine Deutschkenntnisse noch nicht ausreichen für den regulären Unterricht. Nach dem Ende der Schulzeit beginnt er bei der Deutschen Bahn eine Lehre als Industriemechaniker. Doch da das Einkommen des Vaters gerade für die Miete reicht, muss er die Ausbildung abbrechen, um zum Lebensunterhalt der Familie, er hat drei Geschwister, beizutragen.

Ein Cousin, der bei der Stadtentwässerung arbeitet, rät ihm, sich dort zu bewerben. Das tut er auch. Dort wird ihm geraten, seine Ausbildung erst zu beenden und dann wieder zu kommen. Aber das Geld seiner Familie reicht nicht für das teure München und so wird er mit siebzehneinhalb Jahren „Kanaler“. Im Laufe der Jahre arbeitet sich Nuretin Turan zum Schichtführer auf, erwirbt den LKW Führerschein, worauf er sehr stolz ist.

Im Urlaub fliegt die fünfköpfige Familie in ihr Haus im Westen der Türkei. Dort feiert er mit Freunden und Verwandten, sitz gerne mit anderen Menschen im Cafe, genießt das Leben, das er so noch aus der Jugendzeit kennt. Sein moslemischer Glaube ist ihm wichtig, ohne ihn besonders herauszustellen. Bei den täglichen Gebeten nimmt er Rücksicht auf seine Arbeitskollegen.

Ein wenig Angst vor der Dunkelheit habe er immer noch bei der Arbeit, gesteht er. Sein bisher schrecklichstes Erlebnis schildert er folgendermaßen:

„Früher trugen wir im Kanal Stirnlampen, die mit einem Kabel an den Akku auf dem Rücken angeschlossen waren. In Seitenkanälen sammelten wir den anfallenden Dreck, um ihn dann mit Schaufeln und Eimern abzutransportieren. Ich stand mitten im Dreck in einem dieser Seiteneingänge, als mir eine Ratte entgegenkam. Natürlich versuchte ich ihr auszuweichen. Plötzlich spürte ich etwas in meinem Nacken – die Ratte? Ich schlug um mich und da ging das Licht meiner Lampe aus! Ich stand im Dunkeln. Was war geschehen? Ich hatte aus Angst vor der Ratte um mich geschlagen und dabei das Kabel vom Helm getrennt. Von der Ratte war keine Spur mehr zu sehen.“

Nuretin Turan ist mit seinem Leben zufrieden, sein Glaube unterstützt ihn dabei. Wünsche hat er keine, nur den einen, Gesundheit für sich und seine Familie. Gefragt nach seiner Heimat sagt er, er lebe gerne in Deutschland, aber: „Hier bin ich der Ausländer, in der Türkei der Deutsche. Die dritte Einwanderergeneration, meine Kinder, werden sich als Deutsche betrachten.“

 

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