Beim Döner vereint

Die jungen Männer, zwischen 21 und 27 Jahre jung, zusammen mit ihrem Schichtführer für die Spätschicht Ersin laden mit ihrem Lachen ein, am Dönerstand Oliva im Untergeschoss der Münchner Freiheit anzuhalten.

Doch hinter jedem dieser scheinbar so fröhlichen Gesichter verbirgt sich ein trauriges Schicksal. Mit knapp 20 Jahren alleine aus Pakistan geflohen. Nach dem Abitur aus der Heimat in der Türkei geflohen, ohne Aussicht darauf den Berufswunsch Apotheker hier in Deutschland zu erreichen. Vor dem Krieg aus Afghanistan geflüchtet, hoffen auf Einbürgerung nach fünf Jahren. Der Wunsch, einen deutschen Pass zu bekommen, um ungefährdet einmal wieder die Heimat besuchen zu können.

Und doch sind sie alle engagiert und freundlich bei der Arbeit. Sind froh, in der Gastronomie ihren Lebensunterhalt zu verdienen, auch wenn es im teuren München nicht weit reicht. Und es bleibt sogar die Zeit, sich eines kleinen Jungen anzunehmen, dessen Mutter eben einige Besorgungen zu machen hat und der in der Zwischenzeit mit einem saftigen Döner bewirtet wird.

“ Man selbst muss den Menschen freundlich begegnen, dann sind sie auch freundlich,“ sagt Ahmadshah.

 


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Achmadshah Z. (24)

Achmadshah lebte mit seinen Eltern in Paktia, einer vorwiegend landwirtschaftlich gepägten Region im Osten Afghanistans, bevor er sich auf den Weg nach Deutschland machte. Zu Hause unterstützte er seine Eltern bei der Landwirtschaft. Dann floh er vor dem Krieg, kam 2010 alleine in Deutschland an und wurde zunächst in Neuötting als Assylbewerber untergebracht. Dort fand er später auch in einer Pizzeria Arbeit und eine Wohnung. Doch ohne Auto war es schwer, abends mit dem Bus nach Hause zu kommen. So entschied er sich für München und arbeitet seit letztem Jahr hier im Dönerstand von Oliva. Die Wohnungsmietem in München sind hoch, trotz Platz in einer Wohngemeinschaft. Aber der Staat hilft einem hier, sagt er. Die deutsche Sprache beherrscht er recht gut, doch schriftlich ist es für ihn immer noch schwierig. Es fehlt an der Zeit und an der schulischen Vorbildung um die wichtige Stufe “B1” der Deutschkenntnisse mit Erfolg abschließen zu können. Die Arbeit macht ihm Spaß, das Team passt gut zusammen und die Zeit vergeht schnell am Stand. Sein Motto: man muss selbst freundlich sein, dann sind es die Mitmenschen ebenso. Sein größter Wunsch: die Einbürgerung.


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Ibrahim T. (24)

Ibrahim kommt aus Urfa in der Türkei. Urfa, das antike Edessa, liegt im Südosten der Türkei, ist die Hauptstadt der Privinz Sanliurfa und hat ungefähr die Einwohnerzahl Münchens. Nichts deutete in seiner Entwicklung darauf hin, dass er einmal hier in Deutschland landen würde. Das Gymnasium mit Erfolg abgeschlossen, wollte er wie sein Vater Apotheker werden und ging an die Uni. Dann kam ihm die Politik dazwischen. Mehr erzählt er nicht. Er mußte weg und floh nach Deutschland, da war er 19. Inzwischen arbeitet er auf Empfehlung von Freunden hier am Dönerstand, hat auch schon geheiratet. Zeit für eine Fortsetzung seiner Ausbildung findet er nicht: die Lebenshaltungskosten sind hoch, er muss Geld verdienen. Was er sich wünscht? Den deutschen Pass und dann die Türkei besuchen.


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Amin U. (21)

Amin ist der Jüngste im Team der Spätschicht und noch keine zwei Jahre in Deutschland. Auch er ist alleine gekommen. Ab und zu telefoniert er mit seiner Familie in Peschawar, Pakistan. Er ist auch der einzige Pakistani hier. Das Döner machen hat er hier gelernt, Döner gibt es nicht in Pakistan. Wie er zu dem Job kam, ist bezeichnend für ihn: er kam eines Tages am Stand vorbei und fragte den Schichtführer Ersin, ob er einen Job für ihn habe, nachdem er schon Erfahrung bei Assado am Grill vorweisen konnte. Hier fühlt er sich wohl. In Stoßzeiten arbeiten alle schneller. Ansonsten gibt es nicht so viel Streß wie beim Job zuvor. Später, in zehn bis fünfzehn Jahren, will er selbst mal einen Laden aufmachen.


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Ersin K. (27)

Ersin ist der Teamleiter und das Verkaufstalent. Er ist der einzige, der hier in München geboren ist, wenn gleich der Name verrät, dass er türkische Wurzeln hat. Und er ist der Einzige mit einer abgeschlossenen Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann. Damit sind alle Voraussetzungen vorhanden, den Laden zu führen, der seinem Onkel gehört. Wenn man ihn eine Weile beobachtet, versteht man, warum so viele Stammkunden vorbeikommen. Er kennt sie alle, spricht sie mit Namen an und gibt ihnen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Computer sind nicht seine Welt, erklärt er offen. Er hat es lieber mit Menschen zu tun und das färbt auch auf sein Team ab. Was er sich wünscht? Mehr Zeit für die Familie, v.a. für den vierjährigen Sohn. Und eines Tages schuldenfrei mit eigener Wohnung und Auto. Hier ist er seinen Teammitgliedern schon eine Generation der Einwanderer voraus.


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Naif T. (27)

Naif kommt aus dem gleichen kurdischen Ort in der Türkei wie Ibrahim, aber das ist wohl Zufall. Er arbeitet in der Frühschicht. Wenn man ihm so zuhört spürt man seinen Willen, weiterzukommen. Bevor er vor fünf Jahren die Türkei verließ, half er seinem Vater bei der Landwirtschaft, ist Trecker gefahren und half, wo es erforderlich war. Hier hat er sich schnell eingefunden, zeigt inzwischen den anderen, wie es geht. Dass er hier im U-Bahnhof kein Tageslicht sieht, macht ihm nichts aus. Arbeit ist Arbeit sagt er. Sein sehnlichster Wunsch? Einen eigenen Laden aufmachen.

Fotos: Jürgen G. Schulze, Siegfried M. Göckel

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