Arbeiten und Leben im Hauptbahnhof

Udo Güldners Lebensgeschichte beginnt 1961 in seiner Geburtsstadt Dresden. Sein erstes Geld verdient er in der DDR mit dem Zusammennageln von Exportkisten. Dem folgt eine Reihe unterschiedlicher Jobs

Kurz vor der Wende flüchtet er über die Tschechoslowakei nach Westdeutschland. Als Mitarbeiter bei Schaustellerfirmen findet er Arbeit. Diese Tätigkeit führt ihn durch den Norden der Bundesrepublik, von Oldenburg über Hamburg, Goslar bis Emden.

Am 5. Dezember 1999 kommt er mit einem Kumpel nach München und wird einen Tag später Mitarbeiter der Unabhängigen Stadtzeitung der „Bürger In Sozialen Schwierigkeiten“.

Seitdem steht Udo jeden Tag 10 bis 12 Stunden an seinem Platz im Hauptbahnhof. Das Leben hier ist teuer, insbesondere das Essen. Daher gilt für ihn die Devise: entweder du gibst Geld aus, oder du arbeitest.

Die meisten Leute eilen hektisch an Ihm vorbei, einige jedoch gehen auf Ihn zu und unterhalten sich mit ihm. Dank der Bekanntheit der BISS und seinem Stammplatz hat Udo neben den Gelegenheitskäufern auch seine Stammkundschaft, die immer wieder bei ihm kauft und daher sehr wichtig für ihn ist. Mangelt es gelegentlich an Kunden, wird es auch mal langweilig und die Zeit mag nicht vergehen. Oft fragt irgendwer nach dem Weg oder schnorrt ihn um eine Zigarette an. Dafür hat er dann geschickter Weise immer eine Schachtel mit nur noch einer, seiner letzten, Zigarette parat. Zum Rauchen kommt er auch mal an das Tageslicht, aber eigentlich stört Udo die Arbeit im Untergrund nicht, er hat sich daran gewöhnt. Manchmal erlebt er auch Überraschungen – ein erfolgreicher Glücksspieler schenkt ihm einfach so 100 Euro.

Seit September 2015 arbeitet Udo nicht nur im Untergrund, sondern lebt dort auch. Nachdem seine Freundin verstorben ist, hat er aufgrund unglücklicher Umstände die gemeinsame Wohnung verloren. Für ihn ist der Hauptbahnhof Arbeitsplatz, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche zugleich. Geschlafen wird je nachdem mal in der Straßenbahn, im S-Bahnbereich oder an einem anderen geeigneten Platz.

Fotos: Markus Hetzer / Heinz Schütz

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